Der Vampir
Auf der Suche nach einer Hure, die sich Glück zu nennen wagt
Die Hure
In den nächtlichen Gassen
In den nächtlichen Gassen Salvadors, wo Dealer, Fixer und billige Huren flanieren und mit argwöhnischen Blicken ihre Opfer sondieren, wo die Nachtgestalten wie Spinnen an den Hauswänden kleben, wo mit einem falschen Schritt ein Leben vergeht und wo zwischen Leben und Überleben kein Unterschied besteht, hier sucht Vincent nach Leben, nach Gefahr, nach Unglück, und nach ihr. Sie ist eine Hure, zweifellos, aber eine, die sich nicht kaufen läßt, die sich nicht halten läßt, sie sich gern mit dem Leid umgibt und die Nähe des Unglücks sucht, sie, die Hure, die sich »Glück« zu nennen wagt. Und weil sie selten lange bleibt, vergnügt sich Vincent bisweilen mit der Traurigkeit, die ihm nicht weniger gut gefällt. Außerdem sucht er nach seinem Freund Jean, der dem Hörensagen nach auf dem Friedhof Quinta dos Lázaros liegt und doch zuweilen im Sergipe auftaucht. So steht Vincent Nacht für Nacht am Tresen dieser schäbigen Bar, wo sich im allgegenwärtigen Gelächter, Geheul und Geschrei die Gegensätze des Lebens manifestieren.Traurigkeit und Leid
Artgenossen
Magalí war eben noch die Königin der Nacht. Als sie in der Absteige nebenan nackt und ausgemergelt vor ihm steht, kann Vincent sein Mitleid kaum verbergen. Beschämt bedeckt sie sich und entblößt stattdessen ihr Innerstes. Als sie von ihrem Unglück erzählt, fühlt er sich ihr nah. Ihre Sorgen berühren ihn, er leidet mit ihr, und Mitleid ist es auch, was er unter Liebe versteht. Er saugt ihr Leid in sich auf und verschafft sich Gefühle, die er selbst nicht zu empfinden imstande ist, denn ihr Unglück hat mit dem seinen nicht das geringste gemein. So findet er sein Glück in ihrer Traurigkeit und vergißt darüber seine Einsamkeit. Irgendwo da draußen, vermutet er, muß es doch jemanden geben, der fühlt wie er, einen Artgenossen, der sein Leiden versteht, eine verlorene Seele auf der Suche nach ihrem Spiegelbild, auf der Suche nach Nahrung, auf der Suche nach Leben. Doch die Wahrheit ist, daß einer wie er, der in einer fremden Sprache lebt, nicht verstanden wird und Glück und Leid mit niemandem teilen kann. Er geht allein durch die Nacht. Magalí klammert sich fester an ihn, schlingt Arme und Beine um seinen Leib, stülpt sich über ihn, kriecht ihm unter die Haut, verleibt ihn sich ein. Hin und hergerissen zwischen Lust und Leid kann sie ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren, und aller Frust bricht sich Bahn. Untröstlich und glücklich zugleich schläft sie auf dem Schlachtfeld ihrer Gefühle ein. Als Vincent rauchend am Fenster steht und den Anbruch des noch unberührten Tages genießt, sucht ihre Hand nach ihm, dort, in der warmen Leere, die er eben noch ausgefüllt hat. Er muß gehen, bevor sie erwacht, bevor sie die Erinnerung zunichte macht. So lebt er die Liebe in einer und jeder Nacht, und beendet sie bei Tagesanbruch.Consuelo
Schönheit aus einer besseren Welt
Die schöne Consuelo kommt aus einer besseren Welt. Als sie eine Autopanne in eine ärmliche Gegend verschlägt, nimmt sie Vincents Hilfe an. Beim Anblick seines bescheidenen Heims, ist sie der Favela-Idylle schon überdrüssig. Für das romantische Flair, das Wind und Wetter hereintragen, hat sie nicht den leisesten Sinn. Vielmehr ekelt sie sich vor dem Getier, das sich hier allzu heimisch fühlt. Als sie sich im Bad zurechtmachen will und feststellt, daß es nicht mal einen Spiegel gibt, fragt sie sich endgültig: Wie kann man hier nur leben? Sehr gut, versichert Vincent und führt sie auf die Veranda hinaus, wo ein einzigartiges Naturparadies bestaunt werden kann.Favela-Idylle
Ein einzigartiges Naturparadies
Aus bewaldeten Hügeln sprießen Myriaden von Hütten heraus, steile Treppen klettern die Hänge hinauf. In dem stetigen Auf und Ab der Täler und Hügel manifestiert sich die Mühsal des Lebens. Zu dem lebhaften Treiben spielt ein Favela-Orchester auf: Tiergeheul, Hundegebell und das stetige Summen und Sirren der Insekten vermischen sich mit Werbespots, Kindergeschrei und dem Jammern einer Frau. Consuelo versteht nicht, wie man sich das freiwillig antun kann. Allein die nervtötenden Trommeln kann sie beim besten Willen keine Sekunde länger ertragen.Diese Macumba-Rituale gelten ihm, dem Gringo, den die Einheimischen hier nicht haben wollen, der sich in ihrem Land eingenistet und sein Haus in feindlichem Gebiet errichtet hat. Er nennt es Israel. Doch selbst die ständigen Drohungen, Israel werde abgefackelt, können ihn nicht vertreiben. Weder in Frankreich, das er vor langer Zeit verlassen hat, noch irgendwo sonst auf der Welt hat er sich mehr zuhause gefühlt denn in dieser feindseligen Umgebung. Das lebendige Favela-Treiben, die sonnendurchfluteten Hänge, das tägliche Schauspiel der Natur, der stetige Wechsel von Sonne und Regen und all die anderen Gegensätze, die sich hier, am Rande der Zivilisation so nahe stehen, geben dem Zyniker, der gänzlich ohne Hoffnung lebt, das Gefühl am Leben zu sein. Solche Worte klingen fremd in ihren Ohren. Heimat, Familie, Wohlstand, Sicherheit, alles was ihr wichtig erscheint, steht dem entgegen, was für ihn zählt: Freiheit.
Aufzeichnungen eines Vampirs
Was Menschen nicht wissen dürfen
Auf dem Weg hinaus fällt ihr Blick auf ein Buch mit dem Titel Aufzeichnungen eines Vampirs. Ein ungenannter Autor hat es in einer fremden Sprache geschrieben, weil darin Dinge stehen, die Menschen besser nicht wissen sollten, Dinge, die erklären, wie es soweit kommen konnte, soweit kommen mußte! »Was? Wie weit?« Consuelo will auf der Stelle erfahren, was sie nicht wissen darf. Vincent lächelt, und sie verläßt schmollend das Haus.Die Perlenkette
Wenn Glück und Unglück Perlen wären
Als sie tags darauf ihren Wagen aus der Werkstatt holen will, steht sie zu ihrer eigenen Überraschung erneut vor seiner Tür. Wie kann er nur glauben, daß Glück und Unglück einander nahe stehen? Ihre Perlenkette wird Antwort geben. Consuelo soll sie der Länge nach auf den Tresen legen und zwei Perlen wählen, die für Glück und Unglück stehen. Sie benennt die beiden, die am weitesten auseinander liegen. Als sie die Kette wieder anlegt, wird ihr klar, daß sie Glück und Unglück mit eigenen Händen zusammenführt. Wie nahe sie nun beieinander liegen, kann sie nicht sehen, umso mehr fühlen. Sie fühlt, wie nahe sie sich stehen, die Gegensätze, und sie und er. Er hält es für besser, daß sie jetzt geht. Besser für sie.Der Stern
Vom Subjekt zum Objekt
Am nächsten Morgen klopft sie vergeblich an seine Tür. Vincent verbringt den Tag am Hafen. Als die Sonne im Meer versinkt, und die Dunkelheit den Kosmos zum Leuchten bringt, blickt er in den Sternenhimmel. In solchen Momenten gelingt es ihm zuweilen, vor sich selbst zu fliehen und aus den Weiten des Alls auf sich hinunterzusehen, als sei es nicht er, den er da sieht, sondern ein beliebiges Objekt, dem erstaunliche Dinge widerfahren, Dinge, die in ihrer Gesamtheit gemeinhin als Schicksal bezeichnet werden. Und dann betrachtet er mit kosmischer Gleichgültigkeit, wie es ihm auf Erden ergeht.Ein verregnetes Lächeln
Spiegelbilder und vage Zeichen
Am Abend geht ein Wolkenbruch über Salvador nieder und verwandelt die Straßen in Flüsse. Als ein Blitz in einen Laternenmast schlägt und den Fahrgastraum des Busses erhellt, sieht sich Vincent erstmals mit seinem Spiegelbild konfrontiert. Hinter der beschlagenen Scheibe erscheint das Lächeln einer Frau, in dem er sich wiedererkennt.

Fortan vergeht kein Tag, an dem er nicht unter den Wartenden an der Haltestelle steht und in den ankommenden Bussen nach der Frau mit dem regnerischen Lächeln Ausschau hält. Manchmal glaubt er, sie im Fenster zu sehen. Doch stets ist es nur sein eigenes Spiegelbild, das ihn immerzu auf sich selbst zurückwirft und ihn mehr und mehr zweifeln läßt, ob es sie tatsächlich gegeben hat.
Fieber
Fürsorgliche Pflege
Als ihn ein schweres Tropenfieber niederringt und ihm alle Lebenskraft raubt, wacht Consuelo Tag und Nacht an seinem Lager und pflegt ihn aufopferungsvoll.Die Schimäre
Schattenseiten
In ruhigen Momenten vertieft sie sich in die Aufzeichnungen eines Vampirs. Dabei stößt sie auf die Skizze einer Frau, die zugleich lacht und weint, und durch deren Gesicht ein Riß zu gehen scheint. Eine Frau, und doch sind es zwei, Alegria und Tristeza, Freude und Traurigkeit, zwei in einer vereint, eine Schimäre, in der sich die Gegensätze einen und sie zugleich zu zerreißen drohen.

Nacht für Nacht streift Vincent durch die Gassen von Salvador, stets auf der Suche nach Nahrung, auf der Suche nach Leben, und auf der Suche nach ihr, der Hure, die sich »Glück« zu nennen wagt. Außerdem sucht er nach seinem Landsmann Jean, jenem Artgenossen, der fühlt wie er, der sein Leiden versteht, und der, wenngleich er angeblich auf dem Friedhof liegt, zuweilen im Sergipe auftaucht. Jede Nacht steht Vincent in dieser schäbigen Bar, wo sich der Abschaum der Stadt auslebt. Die schöne Consuelo kommt aus einer besseren Welt. Als Vincent ein Tropenfieber niederringt, wacht sie Tag und Nacht an seinem Lager und pflegt ihn aufopferungsvoll. Ihr Unglück beginnt, als Vincent eines Tages im Fenster eines Busses das regnerische Lächeln einer Frau erkennt. Erstmals sieht er sich mit seinem Spiegelbild konfrontiert. Doch auf der Suche nach dieser Frau, die er Tristeza nennt, wird er immerzu auf sich selbst zurückgeworfen, und er zweifelt mehr und mehr, ob es sie tatsächlich gegeben hat …