Die Hure
Aus dem Roman: Der Vampir
In den nächtlichen Gassen, wo Dealer, Fixer und billige Huren flanieren, und mit argwöhnischen Blicken ihre Opfer sondieren, wo mit einem falschen Wort, einem falschen Blick, einem falschen Schritt ein Leben vergeht, und wo zwischen Leben und Überleben kein Unterschied besteht, hier sucht Vincent nach Leben, nach Gefahr, nach Unglück, und nach ihr. Sie ist eine Hure, zweifellos, aber eine, die sich nicht kaufen läßt, die ihre Gunst nach Lust und Laune verschenkt, die sich von niemandem halten läßt und spurlos verschwindet, ehe man es gewahrt. Hier, in den nächtlichen Gassen, wo an allen Ecken das Unglück steht, treibt sie sich häufig herum, weil sie sich gern mit dem Leid umgibt und die Nähe des Unglücks sucht, sie, die Hure, die sich »Glück« zu nennen wagt.
Witz des Tages
Bei Gericht: Angeklagter, wann arbeiten Sie eigentlich? – Dann und wann. – Und was? – Dies und das. – Und wo? – Hier und dort. – Gut, Sie kommen in Haft! – Und wann werde ich wieder entlassen? – Früher oder später. Weitere Witze auf Seite 83
Aphorismen
Begegne dem Freundlichen mit Vorsicht und dem Unfreundlichen mit Nachsicht. [R.S.]
Weitere Aphorismen auf S. 75
Über das Glück
Philosophische Betrachtung
Jeder hetzt ihm hinterher. Es ist stets auf der Flucht. Eine Fahndung erscheint eher sinnlos. Die Beschreibungen gehen zu weit auseinander. Niemand kann genau sagen, wie es aussieht, das Glück, denn für längere Zeit bekommt es kaum einer zu Gesicht. Es ist ein Gefühl, sagen die einen, es läßt sich nicht erklären, die anderen. Sehr gerne wird auch die Zufriedenheit ins Feld geführt, wobei man sich fragen darf, was dieser Langweiler ... Mehr Glück auf S. 75
Schlagzeilen
Neue Internetzeitung für Kunst und Kultur +++ Hüllenlos - Das Seite 3 Girl +++ Im Fokus: Brasilien +++ Durchbruch in der Gentechnik - Erste Leiche zum Leben erweckt +++ Tsunami-Warnung - Bilder überschwemmen das Internet +++ Kirchendiebstahl aufgeklärt - Täter auf freiem Fuß +++ Held rettet Frau vor Vergewaltiger - Fernsehen überträgt Live +++ Weitere Schlagzeilen auf Seite 3
Was hat er nur vor, der Observador?
Ein Wegweiser
Der Observador will keinen Anspruch auf Aktualität erheben. Vielmehr wen-det er sich an alle Leser, die sich für die künstlerische Verarbeitung alltäglicher Beobachtungen interessieren. Allenfalls in der Rubrik Aktuelles könnten mitunter Kommentare zu aktuellen Ereignissen auftauchen. In der Rubrik Aus der Region erfahren Sie aus erster Hand, was im Land der Fußball-WM 2014 und Olympischen Spiele 2016 vor sich ging … und niemanden mehr interessiert. In der Bibliothek erhalten Sie derzeit noch Einblick in literarische Erzeugnisse, die niemals jemand zum Lesen bekommen wird. Im Kino laufen Trailer und Ausschnitte aus Filmen, die ohne Budget realisiert wurden. Außerdem bekommen Sie Infos zu Drehbüchern, die aufgrund ihrer geistigen Tiefe als unverfilmbar gelten. Im Filmlexikon können Sie – natürlich nur auszugsweise – Einblick in die Analysen von Meisterwerken bedeutender Regisseure nehmen. Sollten Sie Mainstream-Filme oder Neuerscheinungen darunter finden, handelt es sich um ein Versehen. Unter Philosophie lesen Sie Essays über Kunst und andere bedeutungslose Themen wie Leben, Sinn, Glück, Hoffnung, Freundschaft. Unter Vermischtes befindet sich alles, was sonst nirgendwo unterzubringen war. Allen, die lieber schauen als lesen, also allen, sei ein Besuch der Vernissage empfohlen. Ausdrücklich möchte ich auf die Existenz des internen »Archivs« und eines öffentlich zugänglichen »Mülleimers« hinweisen, der derzeit 1.014 KB Datenmüll enthält. Ferner sei auf unsere beliebten Kolumnen »Öffentliche Hinrichtungen«, »Amtliche Bekanntmachungen«, »Verunstaltungen« und auf unseren »Leidartikel« verwiesen. Schlagzeilen lesen Sie unter »Zu kurz belichtet«. In »Zur Person« richtet sich der Fokus auf Statisten, Randfiguren und in Vergessenheit geratene Leute. Zudem berichtet der Herausgeber – stets in eigener Sache – »Aus dem Justizpalast« und gibt »Kommentare« zum Weltgeschehen ab. Nebenbei bemerkt, gibt es auch noch die Rubriken »Nebenbei bemerkt«, »Übrigens!« und »Recently«.
Der Stern
Aus dem Roman "Der Vampir"
Wenn sich Tag und Nacht berühren, zaubern Licht und Dunkelheit ein faszinierendes Schauspiel in den Himmel. Genau wie Traurigkeit und Freude, und all die anderen Gegensätze, die in unerklärlicher Gleichzeitigkeit koexistieren, kommt das eine nicht ohne das andere aus. Wenn es so wäre, wie manch einer glaubt, daß jeder Mensch seinen Stern im Himmel hat, einen Stern, der sein Schicksal zeigt oder gar bestimmt, dann verdeutlicht dieser Kosmos in seiner leidenschaftslosen Schweigsamkeit doch auch, daß ihm das menschliche Schicksal ziemlich gleichgültig ist. Vielleicht gibt es da oben einen Stern, der für ihn zuständig ist. Gefunden hat er ihn noch nicht. Jedesmal muß er sich einen neuen suchen, und dann stellt er sich vor, er selbst sei dieser Stern, ein Stern, der jedesmal ein anderer ist. Hin und wieder gelingt es ihm auf diese Weise, vor sich selbst zu fliehen, seinen Körper für eine gewisse Zeit zu verlassen und auf ihn hinunterzusehen, als sei es nicht er, den er da sieht, sondern ein beliebiges Objekt, eine armselige Spielfigur, der erstaunliche Dinge widerfahren, Dinge, die in ihrer Gesamtheit gemeinhin als Schicksal bezeichnet werden. Aus den Weiten des Kosmos sieht er dann auf sich herunter und beobachtet mit kosmischer Gleichgültigkeit, wie es ihm auf Erden ergeht.
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Filmlexikon
Rückkehr der Hoffnung
Essay
Plötzlich und spurlos war sie verschwunden. Es muß im Jahr 1942 gewesen sein, kurz nachdem Camus' Aufsatz Der Mythos von Sisyphos erschien. Seitdem hat sich die Hoffnung nicht mehr gezeigt. Aus gutem Grund: Camus hatte dem Menschen die Absurdität seines Daseins deutlich vor Augen geführt und ihm damit die Hoffnung auf ein ewiges Leben, diese menschliche Herzensangelegenheit, gründlich ausgetrieben. Mehr Hoffnung finden Sie auf S. 78
Bilder-Tsunamis
Essay über die Bilder
Die Flut der Fotografierenden und die von ihnen initiierten Bilder-Tsunamis überschwemmen des weltweite Netz. Mit aufdringlichen Effekten buhlen sie um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Sollte ein Bild tatsächlich Beachtung erfahren, hält sie bestenfalls einen Augenblick an. Dann macht es "Klick". Die inflationäre Verbreitung der Bilder hat zu ihrer Entwertung geführt. Wie soll ein Künstler auf die Reizüberflutung reagieren? Antworten auf Seite 76
Pornofilme im Kino
Die Leidensgeschichte des Films
Die "Romanze" zwischen Film und Kommerz begann im Jahr 1895, als Thomas Alva Edison mit dem Kinetoskop Filme auf Rummelplätzen vorführte. Von Beginn an waren die Rollen klar verteilt: Die Filmwirtschaft übernahm die des Zuhälters, weil sie ihrem Naturell entsprach. Der Zuschauer stand für den Part des Freiers parat, dem Film wurde das Gewand der Hure übergestreift, und für die Kunst blieb immerhin eine Statistenrolle. Weiter auf S. 76
























